BORDERS
– Dicke schwarze Lettern markieren wie Zaunpfähle eine
undurchlässige Grenze, quer über das Logo von unserem
diesjährigen Jahresthema. Wie wir mit der Grenze umgehen
sollen, verrät uns das gesamte Logo: Think across
borders, denke über die Grenzen hinaus, traue dich, die
Richtung deines Denkens zu ändern, wie der Künstler
Francis Picabia sagt: „Unser Kopf ist rund, damit das
Denken die Richtung ändern kann.“ „Denk méi wäit“, die
luxemburgische Version des Jahresthemas, klingt
bescheidener. Von der Überwindung einer Grenze ist hier
nicht die Rede, aber von einem ersten wichtigen Schritt
darauf hin. Wer „méi wäit“ denkt, entdeckt seine
subjektiven Grenzen. Eingefahrene Vorstellungen, liebe
Gewohnheiten, unhinterfragte Selbstverständlichkeiten
garantieren zunächst einmal ein sicheres wenn auch nicht
unbedingt spannendes Leben. Wer anfängt weiter zu
denken, sich zu bewegen, der wird unweigerlich an
Grenzen stoßen, wird sie vielleicht erstmals wahrnehmen.
Dann steht eine Entscheidung an: will ich, um den Preis
der Sicherheit, noch weiter denken, will ich mein
kleines Schneckenhaus-Ego verlassen, aus mir herausgehen
und mich gedanklich wie praktisch auf ein Leben jenseits
meiner Grenzen einlassen? Anders formuliert: bin ich
bereit, das lebenslange Abenteuer Grenzüberschreitung
einzugehen, immer weiter zu denken und zu gehen, auf das
andere, den anderen hin. Den spannenden Prozess der
Selbstüberschreitung mit Kopf, Herz und Hand nennt man
auch Menschwerdung und unter günstigen Bedingungen kommt
dieser Prozess im Jugendalter so richtig in Schwung.
BORDERS 2015 –
Fast unüberwindbar, gefährlich und schrecklich oft
tödlich stehen sie für den heißen Sommer dieses Jahres.
Eine wahre Völkerwanderung von Menschen aus Syrien, dem
Nordirak und anderen Ländern, die in den Kriegsgebieten
um ihr Leben fürchten, ist in Europa angekommen.
Tausende junger Menschen aus dem Kosovo und Albanien
verlassen ihre Heimat, weil sie dort keine Zukunft für
sich sehen. Für die Flüchtlinge steht „Think across
borders“ für die Hoffnung auf menschenwürdiges Leben,
oft „nur“ Überleben jenseits ihrer Landesgrenzen, was
sie unglaubliche Strapazen auf sich nehmen läßt. An
dieser Stelle soll der vielen Menschen gedacht werden,
die die Flucht nicht überlebt haben. Allein mehr als
2000 Bootsflüchtlinge sind auf dem Weg über das
Mittelmeer nach Europa in den ersten sieben Monaten
dieses Jahres ums Leben gekommen. Am 3. September geht
ein Bild um die Welt, das symbolische für das Grauen der
Flucht und das Versagen Europas steht: ein türkischer
Polizist trägt die Leiche des kleinen dreijährigen Aylan
Kurdi vom Strand fort, dessen Familie auf der Flucht aus
dem syrischen Kobane vor dem IS war. Im türkischen
Twitter wird das Bild mit der Unterschrift „Die
fortgespülte Menschlichkeit“ verbreitet. Wir sollten
beklagen, dass das neue grenzenlose Europa, von dem wir selbstverständlich mit
Reise- und Arbeitsfreizügigkeit, mit Austauschprogrammen
für junge Menschen profitieren, zur Festung Europa
degeneriert. 26 Jahre nachdem wir den Fall der Berliner
Mauer bejubelt haben, werden in und an Europas Grenzen
scharfzackige Stacheldrahtzäune errichtet. Machen wir
ernst mit der Aufforderung „Think across borders“,werden
wir uns nicht an die tödlichen Grenzen und Ausgrenzungen
gewöhnen, sondern „méi wäit“ denken und die Grenzen
unseren Solidarität und Hilfsbereitschaft ausweiten. So
werden letztlich auch wir gewinnen: an Menschlichkeit.
Think across BORDERS
hier und heute an unserer Schule,
die ja ein Ort des Denkens ist – Von dem Philosophen
Ernst Bloch stammt der Satz „Denken heißt
überschreiten“. Dieser Ausspruch stellt eine Zuspitzung
des Jahresthemas dar, weil in Blochs Sinne Denken immer
überschreitend, ja transzendental ist, sonst ist es kein
Denken. Wer denkt, wagt sich über das Gegebene, das
Übliche hinaus in neue Gefilde. Wer denkt, bestätigt
nicht die Faktizität des Bestehenden, sondern spürt mit
dem Möglichkeitssinn der Veränderbarkeit der Welt nach.
Von dieser utopischen Qualität des Denkens spricht Bloch
in seinem Hauptwerk „Prinzip Hoffnung“. Eine Schule, die
sich „Think across borders“ auf ihre Fahnen schreibt,
ist mehr als ein bloßer Ort der Wissensvermittlung. Sie
versteht sich als Ort der Menschen-Bildung, der die
Jugendlichen befähigt, grenzüberschreitend mit sich
selbst und solidarisch mit den anderen auf eine bessere
Zukunft hin immer weiter zu gehen. „Think across
borders“ fordert auf, für die Welt außerhalb der Grenzen
der Schule zu sensibilisieren. So dürfen das Elend der
Flüchtlinge und viele andere gesellschaftliche Probleme
nicht außen vor bleiben. Sie müssen die Haltung des
Lehrens und den Prozess des Lernens maßgeblich
bestimmen. Lernen geschieht niemals in einem luftleeren,
abgeschlossenen Raum. Lernen, verstanden als kreative
und engagierte Aneignung der Welt, gelingt, wenn, across
the borders, die Glasglocke schulischen Lernens
überwunden wird. „Think across borders“ will geübt sein.
Mit unserem neuen Projekt „Ecole à la carte“ öffnen wir
die Schule für die Faszination grenzüberschreitenden
Lernens. Wir experimentieren damit, was geschieht, wenn
wir die Grenzen der Disziplinen, konventioneller
Lehrverfahren, der Klassenverbände ... hinter uns
lassen.
Think across
BORDERS – In dieser Aufforderung
findet sich die Essenz der Frohen Botschaft, die
Kernformel des Christentums. Als christliche Schule
lassen wir uns gern von der Grunddynamik inspirieren,
die Jesus in Gang gesetzt hat: unsinnige
gesellschaftliche Grenzen zu missachten um der größeren
menschlichen Gemeinschaft willen, in der Liebe nicht nur
gedacht sondern getan wird. „Es gibt nicht mehr Juden
und Christen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und
Frau, denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus.“
(Gal 3,28). Christen sind Bürger einer neuen,
grenzüberschreitenden Wirklichkeit, in der mit Jesus die
Grenze zwischen Himmel und Erde aufgehoben und alles
möglich ist.
Immer liegt im Neuen, auch in einem neuen
Schuljahr, eine Chance und in der Herausforderung eine
Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen und
ungeahnte Kräfte zu entwickeln und mit Erstaunen stellen
wir fest, dass die Kraft dazu uns geschenkt wird.
In
dieser Gewissheit wünsche ich uns ein Schuljahr mit
vielen (nicht nur gedachten!), POSITIVEN, mutigen,
fröhlichen Grenzüberschreitungen.
Christina
Fabian-Heidrich
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