Die Aussage „You´re beautiful“, „Du bist schön“ ist seit
jeher eine sinnliche Aussage. Und um jedem Vorurteil von
Beginn an vorzubeugen, auch die Religionen sprechen von
der Schönheit als einer sinnlichen Dimension. Bäder (Lev
14-15), Körperpflege mit Seife (Jer 2,22), die
Verwendung von Öl und Salben (Rut 3,3), das Schminken,
die Haarpflege und das Haarefärben (Ps 23,5; Hld 7,6)
bis hin zur einjährigen Schönheitspflegekur (Est 2,12)
gehören bereits zum Programm des Alten Testaments und
sind nicht erst ein Ergebnis moderner Schönheitsfarmen.
Das Hohelied als Textsammlung verschiedener
Liebeslieder verwendet eine Symbolsprache, um die
Schönheit der Frau oder die des Mannes zu umschreiben,
die uns heute entweder erröten oder lauthals lachen
lässt. Welche Frau würde schon gerne hören, dass ihre
Frisur „einer Herde von Ziegen (ähnelt), die
herabzieht von Gileads Bergen“? Aber so drückte man
sich in der Zeit vom 10. bis 3. vorchristlichen
Jahrhundert eben aus. In diesen Jahrhunderten wurden
diese Liebeslieder, teils verbunden, teils eigenständig,
komponiert. Lange Zeit war umstritten, ob man das
Hohelied wegen seiner Bildsprache zu Schönheit, Liebe
und Erotik überhaupt in die Heilige Schrift aufnehmen
sollte. Heute gehört es für uns Christen zum Alten
Testament.
Interessanter Weise erinnern uns
derart alte Textstücke daran, dass wir mehr als nur
einen Sinn zur Verfügung haben, um Schönheit zu
erfassen. Es drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass
alleine das Aussehen über Schönheit bestimmen würde und
dabei die alte Warnung ganz außer Acht gerät: Qui
tacuisses, philosophus manuisses
(Hättest du geschwiegen, wärest du Philosoph
geblieben.). Und wer hätte es gedacht, dieser Ausruf war
nicht nur in der lateinischen Welt bekannt, sondern den
frühen Muslimen Persiens sehr geläufig. Man schätzte
nicht nur das Äußere einer Frau, dass farbenprächtig und
figürlich in Bildern dargestellt wurde, sondern wähnte
eine Frau erst dann besonderer Schönheit, wenn sie sich
auch gewählt und gepflegt ausdrücken konnte. Und mal
ehrlich: Würde äußere Schönheit gefolgt von einem „Ich
gehe Cactus“, dürfte bei manchen die erste Bewunderung
schnell verflogen sein.
Nun reißt unser
Jahresmotto den Begriff beautiful ja etwas
auseinander, gestaltet ihn um und gibt ihm so eine
Tiefenbedeutung, die der Begriff
Schönheit von Beginn an hatte. Religiös und
philosophie-geschichtlich pendelte das Verstehen des
Begriffs zwischen den Extremen einer vergeistlicht
ontologischen und einer äußerlich körperlichen
Schönheit.
Betrachten wir das Motto nun Wort für
Wort. „Be“ im Infinitiv oder Imperativ
verwendet offeriert uns zwei Dimensionen unseres Mottos
von enormem Reichtum.
Erstens: „Sein“ ist
die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas als wie
auch immer seiend (schön, gut, rund etc.) beschrieben
werden kann. Die Voraussetzung, um schön sein zu können
ist also, überhaupt zu existieren. Ein Blick auf die
Psychologie und therapeutische Ansätze, dann aber auch
alle Formen meditativer Übungen lässt erkennen, dass
dieser wohl einleuchtende und primitivste Gedanke jener
ist, der die Menschen in Scharen zu jedweder Form der
Meditation strömen lässt: Sich selbst als seiend
wahrzunehmen kriegt man vielleicht noch hin. Aber man
meditiere einmal den Satz: „Ich lebe“. Simpel und
magisch zugleich, da er vielleicht fragen lässt: Wozu?
Warum? Wie lange? Wie? Etc.
Zweitens:
Ob im Bilde des Weltenformers oder dem, der aus Nichts
mit dem bloßen Wort den Beginn allen Seins erschafft,
ein oder mehrere höhere Wesen scheinen im Glauben und
den Fantasien der Menschen einmal entschlossen zu haben,
dass etwas sein soll („Sei!“) und eben nicht
Nichts sein soll. Nur noch fundamentalistische
Religionsgruppen nehmen an, dass alles, was ist, genau
so entstanden ist, wie es in den alten Texten, ob Bibel,
Koran u.a. beschrieben wird. Aber der Gedanke, dass
jemand die Welt und somit uns gewollt hat, bietet den
Menschen eine stärkende und tragende Wärme, die sie
neben aller Verstandeskraft eben brauchen – diese
Menschen, die Sinnenwesen. Damit sind wir wieder bei den
Sinnen und fragen nach der Schönheit dessen, das ist,
bzw. das sein soll.
„You!“ oder „You?“:
Wenn jemand mit „Du“ angesprochen wird, so
setzt diese Ansprache mehr in den romanischen Sprachen
als in der englischen Nähe voraus. Im Englischen
entscheidet sich erst bei der Namensnennung, wie nahe
sich die Personen stehen, die sich ansprechen. Auf jeden
Fall verbirgt sich hinter dem „Du“ eine Person
mit allen Seiten menschlicher Existenz. Man müsste also
eigentlich nachfragen, was die Person alles im Kopf hat,
wenn sie uns anspricht mit „Du“. Manche
reduzieren uns auf die äußere Erscheinung, andere sehen
mehr. Sie sehen unsere Stärken, kennen und schätzen
unsere Eigenschaften, wissen auch um kritische Seiten,
adressieren uns als ein Individuum und nehmen Position
zu uns.
„Be You“ – „Sei Du“
ist eine Ermutigung, ein Aufruf zu Selbstachtung und
-verwirklichung. Der italienische Geschichtsschreiber
und Poet Petrarca (1304-1374 n. Chr.) zitierte bei der
Besteigung des Mont Ventoux einen Vers des Kirchenvaters
Augustinus (354-430 n. Chr.), der seinerzeit
unterstreichen wollte, wie schnell wir uns von dem
Wesentlichen, uns selber, abwenden und uns mit Höhen und
Idealen befassen, uns von uns selber ablenken und uns
dabei vergessen:
„Und es gehen die Menschen
hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren
Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die
Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und
vergessen darüber sich selbst.“ (Confessiones X,
8)“.
Der Begründer des Alpinismus, Petrarca,
bestaunt die Welt und ihre Schönheit und möchte sie
höher achten als eine bloße Durchgangsstation, während
Augustinus viel stärker den Menschen mit himmlischer
Zielrichtung im Blick hat und bisweilen als körper- und
weltfeindlich verstanden werden kann. Beide Autoren
bieten uns ein breites Mittelfeld. In diesem können wir
unsere Identität finden und diese liebevoll annehmen.
Wir sollen aber auch die Welt als Komposition aus allem
Leben der Erde und dem Menschen erleben, als ein
Kunstwerk, dass trotz allem Chaos von Gott selber als
„sehr gut“ (Gen 1,31) bewertet wird. Wir haben in der
Welt Platz genug wir selbst zu sein. Habt Mut dazu! Mut
braucht es, denn Selbst sein bedeutet: Gib dich zu
erkennen! Grenze dich ab, wo Konformismus dich
entstellt! Beachte die Grenzen der Anderen, damit auch
sie individuell sein können! Arrangiert euch, und lasst
Kompromisse zu, aber nur da, wo es keine faulen
Kompromisse sind!
Seid „ful(l)“ –
voll, erfüllt- von euch selber. Ganz
im Gegensatz zu einem Gefäß, das gefüllt keinen Platz
für anderes bietet, heißt erfüllt hier nicht
Selbstverliebtheit und Egoismus. Das Paradoxe bei der
Liebe zu sich selber ist ja, dass sie Bedingung ist, um
andere zu schätzen und stärken zu können. Irgendwo ist
es aber auch logisch: Zufriedenheit mit sich selber ist
die Voraussetzung, um anderen Schönheit, Gutsein etc.
zugestehen zu können. Allzu menschlich scheint es, dass
man ungern Güte zugesteht, wenn man mit sich selber
nicht im Reinen ist.
Be-YOU-tiful soll also unser
Rezept sein, um in diesem Jahr einen gesunden Bezug zu
uns selber, ja, Liebe zu uns selber zu entfachen, um
gelassener, friedlicher und liebevoller auf unser Umfeld
zu schauen.
Die Fotografin Jade Beall
fotografiert die Körper von Müttern, die sich selber
durch die Zeichen der Schwangerschaft als hässlich
erachten. Ihr Ziel ist es, den Müttern ihre bleibende
Schönheit trotz mancher Falte aufzuzeigen, ihnen wieder
zu Selbstliebe zu verhelfen. Deutlich wird an ihrem
Konzept, dass die Schönheit des Körpers nicht einfach
egal ist. Aber mit Ausrufezeichen möchte sie betonen,
dass Schönheit nicht dadurch verloren geht, dass ein
Körper sich verändert. Schon gar nicht geht Schönheit
verloren, nur weil das optische Ideal die Zeichen der
Schwangerschaft aufweist, die Voraussetzung dafür ist,
dass wir leben. Jade Beall hat vielen Frauen geholfen,
den gezeichneten Bauch als Symbol für das Leben des
Kindes zu sehen, dem die Mütter in tiefster Liebe
verbunden sind. „Schön seid ihr, weil ihr einem Du
Leben geschenkt habt, schön aber auch, weil man euch und
keiner anderen in die Augen schauen kann.“
Mir ist in der Ausarbeitung dieses Artikels deutlich
geworden, wie wichtig es sein kann, nachzufragen. Fragt
doch einmal, wenn euch jemand sagt „Du bist schön!“,
was eigentlich gemeint ist. Macht euch einen Spaß daraus
nachzuhorchen, ob ihr auch noch schön seid, wenn die
ersten Falten kommen. Wenn dem so ist, dann wisst ihr,
dass ihr nicht bloß Schauobjekte seid, sondern dass euer
Gegenüber das sehr Gute, das wirklich Schöne, an euch
entdeckt hat.
Ein letzter Rat an dieser Stelle: Selbst- und
Nächstenliebe gestalten sich für jeden individuell,
ergeben sich in jeder Situation neu und gehören zu den
härtesten, aber lohnenswertesten Lektionen. Daher
benötigen sie Geduld, ein Leben lang. Charlie Chaplin
konnte zu seinem 70. Geburtstag endlich einen Text
verfassen, in dem er für sich erkannte, dass sein ganzes
Leben eine Bewegung zu dem Punkt hin darstellte, „als
(er) ich (sich) mich selbst zu lieben begann…“.
Be-YOU-tiful!
Für das
Aumônerie-Team, Michael Ternes
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